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Weltalmanach

Kleist-Preis: der Literaturpreis, über den eine einzelne Person entscheidet

Gestiftet 1912, aufgelöst 1933, wiederbegründet 1985 – und bis heute nach einer Regel vergeben, die sonst kein Preis dieser Reihe kennt: Nicht eine Jury stimmt ab, sondern eine jährlich neu bestimmte Vertrauensperson wählt allein.

Umriss von Deutschland
Ein Preis für Literatur deutscher Sprache, vergeben in Berlin.

Herkunft und erste Epoche

Den Anstoß gab Fritz Engel (1867–1935), Redakteur des Berliner Tageblatts, aus Anlass des hundertsten Todestages Heinrich von Kleists. Erstmals vergeben wurde die Auszeichnung 1912 durch die eigens gegründete Kleist-Stiftung. Ihr Zweck steht in der Satzung: „Ehrengaben aufstrebenden und wenig bemittelten Dichtern deutscher Sprache, Männern und Frauen, zu gewähren." Den Gründungsaufruf unterzeichneten 59 Personen des Kulturlebens, darunter Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Walther Rathenau, Max Reinhardt und Richard Dehmel.

In den zwei Jahrzehnten bis 1932 galt der Kleist-Preis als die bedeutendste literarische Auszeichnung der Weimarer Republik. Die Reihe der Ausgezeichneten liest sich wie ein Kanon der Moderne: Robert Musil, Ernst Barlach, Anna Seghers, Ödön von Horváth, Else Lasker-Schüler. 1933 und 1934 wurde die Stiftung unter Umständen aufgelöst, die bis heute nicht geklärt sind. Danach ruhte der Preis über fünf Jahrzehnte.

Der Namensgeber selbst hat keine Auszeichnung erlebt. Heinrich von Kleist (1777–1811), geboren in Frankfurt an der Oder, hinterließ Dramen wie „Der zerbrochne Krug", „Penthesilea" und „Prinz Friedrich von Homburg" sowie Erzählungen wie „Michael Kohlhaas" und „Die Marquise von O...", fand aber zu Lebzeiten weder ein Publikum noch ein Auskommen und nahm sich im November 1811 am Kleinen Wannsee bei Berlin das Leben. Ein Preis, der ausdrücklich „wenig bemittelten" Autorinnen und Autoren gelten soll, trägt seinen Namen nicht zufällig.

Das Verfahren: eine Vertrauensperson statt einer Jury

Was den Kleist-Preis von den anderen Einträgen dieser Strecke trennt, ist nicht das Feld, sondern der Entscheidungsweg. Noch vor der ersten Verleihung beschloss der Kunstrat der Stiftung auf Anregung Richard Dehmels, nicht mit Stimmenmehrheit zu entscheiden. Die endgültige Wahl sollte „für je ein Jahr ausschließlich bei einem einzigen Vertrauensmann liegen". Die Begründung von damals ist eine Theorie über Gremien: Mehrheiten einigen sich auf das Durchschnittstalent, das es allen recht macht; „nur ein einzelner kann sich rücksichtslos für das Außerordentliche einsetzen."

Dieses Prinzip hat die Wiederbegründung überlebt. Auch heute bestimmt die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft jedes Jahr eine Vertrauensperson, meist selbst eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller, und diese Person trifft die Wahl allein. Der Preis trägt damit stets zwei Namen: den der ausgezeichneten Person und den derjenigen, die sie ausgewählt hat.

Die Wiederbegründung 1985

1985 beschloss die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft auf ihrer Jahrestagung, den Preis wieder zu vergeben. Erster Preisträger der neuen Reihe war Alexander Kluge. Zwischen 1994 und 2000 wurde die Auszeichnung nur alle zwei Jahre verliehen, seit 2001 wieder jährlich. Die Preissumme beträgt 20.000 Euro (Stand 2023); mit der Verleihung 2026 steigt sie erstmals auf 30.000 Euro. Getragen wird sie von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie den Ländern Berlin und Brandenburg.

Ausgewählte Preisträgerinnen und Preisträger

JahrAusgezeichnet
1923Robert Musil
1928Anna Seghers
1931Ödön von Horváth
1932Else Lasker-Schüler
1985Alexander Kluge
1990Heiner Müller
1994Herta Müller
2006Daniel Kehlmann
2010Ferdinand von Schirach
2016Yōko Tawada
2018Christoph Ransmayr
2020Clemens J. Setz
2024Sasha Marianna Salzmann

Die Auswahl zeigt eine Eigenheit des Verfahrens. Weil eine einzelne Person entscheidet, wechselt der Blick von Jahr zu Jahr: auf ein Erstlingswerk wie bei Judith Hermann (2001), auf ein Lebenswerk wie bei Heiner Müller (1990), auf eine Autorin, die zwischen zwei Sprachen schreibt, wie bei Yōko Tawada (2016). Ein Gremium hätte solche Sprünge vermutlich geglättet.

Einordnung

Die Satzung von 1912 spricht von „aufstrebenden und wenig bemittelten" Dichterinnen und Dichtern. Daran wird der erneuerte Preis heute gemessen, und daran entzündet sich die Kritik: Seit 1985 ging er überwiegend an Autorinnen und Autoren, die bereits mit Erfolg hervorgetreten waren. Ob der Preis damit seinem Gründungszweck noch entspricht oder ob er längst eine andere Funktion hat, nämlich die eines Gütesiegels für ein Werk in der Mitte seiner Entstehung, wird im Literaturbetrieb unterschiedlich beantwortet.

Im Vergleich der Preise dieser Strecke steht der Kleist-Preis dem Wittgenstein-Preis näher als dem Nobelpreis: Beide meinen eine Arbeit, die noch nicht abgeschlossen ist, und beide wollen ein Werk ermöglichen statt eines zu krönen. Der Unterschied liegt im Maßstab der Dotierung und darin, dass die Literatur keinen Forschungsetat braucht, sondern Zeit.

Auf einen Blick

Gestiftet1912, Kleist-Stiftung (Berlin)
Unterbrechung1933/1934 bis 1985
Träger seit 1985Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft
Vergabejährlich, 1994 bis 2000 alle zwei Jahre
Entscheidungeine jährlich bestimmte Vertrauensperson
Dotierung20.000 Euro (2023), ab 2026 30.000 Euro
NamensgeberHeinrich von Kleist (1777–1811)

Die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft ist heute mit dem Kleist-Museum in Frankfurt (Oder) verbunden, auf dessen Seiten ihre frühere Internetadresse führt. Deutschland als Staat steht im Länderregister.

Häufige Fragen zum Kleist-Preis

Wer entscheidet über den Kleist-Preis?

Eine einzelne Vertrauensperson, die jedes Jahr neu bestimmt wird. Sie wählt die Preisträgerin oder den Preisträger allein aus; eine Abstimmung im Gremium gibt es nicht. Das Verfahren stammt aus dem Gründungsjahr 1912 und wurde bei der Wiederbegründung 1985 übernommen.

Wie hoch ist der Kleist-Preis dotiert?

Mit 20.000 Euro, Stand 2023. Mit der Verleihung 2026 wird die Summe auf 30.000 Euro angehoben. Aufgebracht wird sie von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck zusammen mit der Kulturbeauftragten des Bundes, dem Land Berlin und dem Land Brandenburg.

Warum wurde der Preis über fünfzig Jahre nicht vergeben?

Die Kleist-Stiftung, die den Preis von 1912 an vergab, wurde 1933/1934 aufgelöst. Erst 1985 beschloss die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft auf ihrer Jahrestagung, die Auszeichnung wieder zu verleihen; erster Preisträger der neuen Reihe war Alexander Kluge.

Wer hat den Kleist-Preis erhalten?

In der ersten Epoche unter anderem Robert Musil (1923), Anna Seghers (1928), Ödön von Horváth (1931) und Else Lasker-Schüler (1932). Seit 1985 unter anderem Heiner Müller (1990), Herta Müller (1994), Daniel Kehlmann (2006), Ferdinand von Schirach (2010), Yōko Tawada (2016), Christoph Ransmayr (2018) und Clemens J. Setz (2020).