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Weltalmanach

Glücksspiel weltweit: Geschichte, Kulturen und Regulierung

Vom Würfelspiel der Antike bis zum lizenzierten Onlinemarkt: Glücksspiel ist ein weltweites Phänomen, das jede Kultur anders eingehegt hat.

Weltkarte
Regulierung ist nationale Zuständigkeit – die Karte zeigt, wie viele Zuständigkeiten das sind.

Antike und Frühgeschichte

Die ältesten bekannten Würfel stammen aus Shahr-e Sukhteh im heutigen Südostiran und werden auf etwa 2800 bis 3000 v. Chr. datiert; etwas jünger sind die Funde aus dem Königlichen Spiel von Ur in Mesopotamien. Im alten Ägypten verband das Brettspiel Senet religiöse und glücksspielartige Elemente. Die Römer waren bekennende Spieler, und im antiken Griechenland war das Würfelspiel so verbreitet, dass mit Tyche – bei den Römern Fortuna – eine eigene Gottheit für das Glück zuständig war. Caesars überlieferter Satz beim Überschreiten des Rubikon – bei Sueton *iacta alea est*, bei Plutarch griechisch als Aufforderung „der Würfel sei geworfen" – funktioniert als Bild nur, weil das Publikum das Spiel kannte.

Mittelalter und Renaissance

Trotz kirchlicher Verbote blieb das Spiel populär. Kartenspiele erreichten Europa im 14. Jahrhundert über arabische Handelswege. 1638 eröffnete in Venedig das Ridotto, das als erstes staatlich betriebenes Spielhaus gilt – und damit als früher Beleg für eine Einsicht, die sich später überall durchsetzte: Ein verbotener Markt verschwindet nicht, er wandert nur aus der Sichtbarkeit.

Neuzeit und Industrialisierung

Im 19. Jahrhundert entstanden die Spielbanken von Monte-Carlo und Baden-Baden als Teil einer Kurort-Ökonomie. In den USA legte die Legalisierung in Nevada 1931 den Grundstein für die Entwicklung von Las Vegas, das ab den 1940er-Jahren zum Zentrum des amerikanischen Glücksspiels wurde. Beide Entwicklungen folgen demselben Muster: Eine Region mit schwacher Wirtschaftsbasis lizenziert, was anderswo verboten ist, und lebt von der Differenz.

Kulturelle Unterschiede

In China ist Mahjong seit Jahrhunderten fester Bestandteil der Alltagskultur, während kommerzielles Glücksspiel auf dem Festland verboten ist – erlaubt sind allein die beiden staatlichen Lotterien, die Wohlfahrtslotterie seit 1987 und die Sportlotterie seit 1994; die Sonderverwaltungszone Macau ist der lizenzierte Gegenpol und übertraf Las Vegas bereits 2006 im Umsatz. In Japan besetzen Pachinko-Hallen eine jahrzehntelange Grauzone zwischen Spielhalle und Glücksspiel; das Casino-Verbot fiel erst 2016, das Lizenz- und Aufsichtsregime kam 2018 nach. In den Vereinigten Staaten liegt die Zuständigkeit bei den Bundesstaaten, weshalb die Rechtslage sich alle paar hundert Kilometer ändert.

Regulierung in Europa

Eine gemeinsame europäische Glücksspielregelung gibt es nicht. Die EU hat keine Richtlinie erlassen; die Mitgliedstaaten regeln selbst, solange sie die Grundfreiheiten beachten. Daraus sind drei Modelle entstanden: das staatliche Monopol, das Konzessionssystem mit begrenzter Lizenzzahl und der offene Lizenzmarkt mit Aufsichtsbehörde. Alle drei existieren nebeneinander, und mehrere Staaten haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten von einem Modell zum anderen gewechselt.

Gemeinsam ist den neueren Regelungen der Schwerpunkt auf Spielerschutz: Einsatzgrenzen, Sperrsysteme, Werbebeschränkungen und Nachweispflichten zur Herkunft der Mittel. Ob ein Markt als reguliert gilt, hängt weniger daran, ob es Anbieter gibt, als daran, ob eine Behörde Lizenzen erteilt, kontrolliert und entziehen kann.

Das Spiel im Netz

Die erste Lizenzgrundlage für Online-Glücksspiel schuf 1994 Antigua und Barbuda – ein Staat, der in diesem Register mit gut 94.000 Einwohnern geführt wird und dessen Lizenzvergabe damit älter ist als die meisten europäischen Regelwerke. Seither hat sich das Gewicht verschoben: Ein wachsender Teil der Umsätze entsteht nicht mehr in Spielsälen, sondern auf Geräten, und die Aufsicht muss Anbieter erreichen, die ihren Sitz in einem anderen Land haben als ihre Kundschaft.

In Deutschland trat am 1. Juli 2021 ein Staatsvertrag in Kraft, der für Online-Automatenspiel und Poker erstmals bundesweit einheitliche Regeln setzt: Lizenzpflicht für Online-Automatenspiel und Poker, ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro über alle Anbieter hinweg und eine zentrale Sperrdatei, in die sich Spielende selbst eintragen lassen können und in die auch Angehörige eine Sperre anregen können.

Wirtschaftliche Größenordnung

Weltweit erwirtschaftet die Branche einen Bruttospielertrag in der Größenordnung von 700 Milliarden US-Dollar im Jahr. Die Verteilung folgt dabei nicht der Einwohnerzahl: Macau erwirtschaftet auf 33 Quadratkilometern einen zweistelligen Milliardenbetrag im Jahr, während der asiatisch-pazifische Raum insgesamt den größten Markt stellt. Am schnellsten wächst er nicht: die höchsten Zuwachsraten liegen in Afrika und in Lateinamerika. Für viele Staaten ist die Besteuerung des Glücksspiels eine eigene Einnahmequelle, die mancherorts zweckgebunden in Sport- und Kulturförderung fließt.

Spielerschutz

Glücksspiel kann abhängig machen, und die Regelwerke der vergangenen zwei Jahrzehnte drehen sich zu einem großen Teil um diesen Umstand. Die üblichen Instrumente sind Selbstsperren, Einzahlungs- und Verlustgrenzen, Zeitanzeigen während des Spiels und die Pflicht, auf Beratungsangebote hinzuweisen. In Deutschland berät das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit kostenlos und anonym unter 0800 1 37 27 00; die Beratung steht auch Angehörigen offen.

Häuser mit eigener Geschichte

Einzelne Spielbanken sind über ihr Geschäft hinaus bekannt geworden. Das Casino de Monte-Carlo in Monaco öffnete 1863 und finanzierte in seinen ersten Jahrzehnten einen erheblichen Teil des Staatshaushalts; Baden-Baden zog im 19. Jahrhundert den europäischen Adel an; The Venetian in Macau hält den größten zusammenhängenden Spielsaal der Welt; nach reiner Spielfläche liegt das WinStar World Casino in Oklahoma davor. Ihre Standorte sind kein Zufall – sie liegen dort, wo eine Grenze, ein Kurbetrieb oder eine Sonderverwaltung eine Regelung möglich machte, die nebenan nicht galt.

Welche Staaten hier jeweils gemeint sind, führt das Staatenverzeichnis; die wirtschaftlichen Größenordnungen der genannten Länder stehen auf ihren Länderseiten.

Häufige Fragen zum Glücksspiel

Wie alt ist das Glücksspiel?

Die ältesten bekannten Würfel stammen aus Shahr-e Sukhteh im heutigen Iran und werden auf mehrere Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung datiert. Spielsteine und Würfel gehören damit zu den ältesten überlieferten Freizeitgegenständen überhaupt.

Wo stand das erste Casino?

Als erstes staatlich betriebenes Spielhaus gilt das Ridotto, das der Große Rat 1638 in Venedig eröffnen liess. Es bot der Oberschicht während der Karnevalszeit einen kontrollierten Rahmen – und war zugleich der erste Versuch, Glücksspiel zu regulieren statt zu verbieten.

Wie wird Glücksspiel in Europa reguliert?

Uneinheitlich. Die EU hat keine gemeinsame Glücksspielrichtlinie; jeder Mitgliedstaat regelt selbst. Die Modelle reichen vom staatlichen Monopol über Konzessionssysteme mit begrenzter Lizenzzahl bis zu offenen Lizenzmärkten.

Welche Rolle spielt Macau?

Die chinesische Sonderverwaltungszone hat Las Vegas bereits 2006 als umsatzstärksten Glücksspielstandort abgelöst. Auf dem chinesischen Festland ist Glücksspiel verboten, in Macau ist es lizenziert – ein Sonderstatus, der die Zahlen erklärt.