Vor dem Sondertribunal in Phnom Penh zur juristischen Aufarbeitung der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha (1975–79) ist am 26.7.2010 der damalige Leiter des berüchtigten Sicherheitsgefängnisses Tuol Sleng (»S-21«), der als »Duch« bekannte Kaing Guek Eav, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Verletzung der Genfer Konventionen sowie Mord und Totschlag zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig; Verteidiger und Ankläger haben die Möglichkeit des Einspruchs.
Das von den Vereinten Nationen (UN) unterstützte Außerordentliche Gericht am kambodschanischen Gerichtshof (Extraordinary Chambers of the Courts of Cambodia – ECCC) befand Kaing für schuldig, für den Tod von mindestens 14.000 Menschen mitverantwortlich zu sein. Die Opfer wurden grausam misshandelt und nach erpressten »Geständnissen« auf den »Killing Fields« mit Eisenstangen erschlagen. Das Regime hatte die Order herausgegeben, für seine »Feinde« keine Kugeln zu »verschwenden«. Nur 14 Menschen sollen ihren Aufenthalt in Tuol Sleng überlebt haben.
Fünf der 35 Jahre Haft werden Kaing erlassen, weil er 1999 von einem Militärgericht unrechtmäßig verurteilt worden war. Außerdem wird die bisher verbüßte Haftzeit angerechnet, insgesamt elf Jahre. Wenn das ergangene Urteil rechtskräftig wird, bleiben für ihn noch rund 19 Jahre Gefängnis. Strafmildernd berücksichtigte das Gericht, dass der Angeklagte Kooperationsbereitschaft und Reue gezeigt und sich bei den Hinterbliebenen der Opfer entschuldigt habe. Die Hauptverhandlung gegen »Duch« hatte am 17.2.2009 begonnen.
»Duch« ist zwar der erste Vertreter der Roten Khmer, dem der Prozess gemacht wurde; er ist aber ein vergleichsweise kleiner Befehlsempfänger. Die Anklageerhebung gegen den heute 67-Jährigen war im Juli 2007, mehr als vier Jahre nach dem Abkommen zwischen Kambodscha und den UN über das gemeinsame Sondertribunal, erfolgt. In den Folgemonaten kam es zur Verhaftung mehrerer hoher Funktionäre der Roten Khmer, womit die Regierung unter Ministerpräsident Hun Sen ihre in der Vergangenheit praktizierte Verzögerungstaktik ablegte und die juristische Aufarbeitung der Rote-Khmer-Diktatur voranbrachte: Im September 2007 wurde »Bruder Nr. 2« Nuon Chea, Chefideologe und Stellvertreter des 1998 verstorbenen Diktators (und bis 1997 »Bruder Nr. 1« der Roten Khmer) Pol Pot, verhaftet; Nuon Chea hatte zuvor unbehelligt in Kambodscha gelebt, ebenso wie der ehemalige Außenminister Ieng Sary, der im November 2007 gemeinsam mit seiner Frau, der ehemaligen Sozialministerin Ieng Thirith, festgenommen wurde. Am 19.11.2007 folgte die Verhaftung des Staatspräsidenten des »Demokratischen Kampuchea«, Khieu Samphan (77). 2011 soll das Verfahren gegen die vier noch lebenden Haupttäter des Regimes der Roten Khmer – Nuon Chea, Ieng Sary und seine Frau Thirith sowie Khieu Samphan – eröffnet werden. Pol Pot starb 1998 in seinem Versteck im Dschungel, ohne jemals zur Verantwortung gezogen worden zu sein.
Die Roten ultra-maoistischen Khmer hatten 1975 die beim Volk ungeliebte, von den USA unterstützte Regierung Lon Nol gestürzt. Unter Pol Pot führten sie massenhafte Zwangsarbeit ein; sie wollten die traditionelle Gesellschaft auslöschen und beim »Jahr Null« neu anfangen. Der Terrorherrschaft fielen zwischen April 1975 und Januar 1979 etwa 1,7 bis 2 Mio. Menschen zum Opfer, fast ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung. Sie starben durch Hungersnöte, Seuchen und die Zwangsarbeit. Das Regime ließ aber auch Hunderttausende als Feinde der Revolution foltern und hinrichten. 1979 wurden die Roten Khmer durch Truppen des wiedervereinigten Vietnam gestürzt, kämpften aber noch bis 1998 weiter. (MvB)
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